Versuch über die Lyrik

 

 

Die Lyrik ist die zweite Stimme des Geistes. Als solche hat sie das Ohr an der grenzenlosen Vielschichtigkeit der Welt, denn sie kann fließende Übergänge erspüren, vor denen physikalische Gesetze versagen. Das öffnet Räume für neue Erfahrbarkeiten. Sie sind immer originell und die Möglichkeiten der Variationen, aus denen sie geboren werden, schier unendlich. Und diese Unendlichkeit kann zur Religion werden, da wo diese versagt, weil ihre Dogmen die filigranen Membranen des Geistes betäuben.

Deshalb unterwandert die Lyrik auch die Zeit, weil die Zeit Methode hat und als solche infrage zu stellen ist. Die Lyrik stellt sie infrage, in dem sie in der Morgendämmerung den Abend sucht und umgekehrt. Ist der Morgen im Abend? Oder ist das Gestern eine Erfindung auf den Spiegeln des Heute? Und ist der Traum realer als die Wirklichkeit? Die Lyrik gibt dem Atem unserer Träume ihr Wasserzeichen. Und Wasserzeichen kann man am besten lesen, wenn man sie gegen das Licht hält. Und Lyrik kann man am besten lesen, wenn man sie gegen das schrille Einvernehmen zwischen Pragmatismus und Geschäftsgebaren einer derben Unterhaltungskultur liest, die leisen Räume in den lauten Konzerthallen sucht. Und wer genau hinliest, entdeckt dabei seine eigene, unverwechselbare Musik, die sein Gestern, sein Heute und sein Morgen wie weiße Muscheln in zeitlose Meere sinken lässt, die nur ihm gehören.

 

 

 

 

 

Gläserne Küsse. Rosa  

 

Menschen treiben durch die Risse in meinem Glück

in der Hektik der Milchstraße.

Ich verrühre die Zeit in meinem Kaffee und lasse Zucker in ihr Ende fallen.

Die Würfel sind sprachlos.

Ich vermisse die Furcht.

Sie hat sich unter der Kirschblüte verkrochen

auf den stummen Wegen im Herzen der Vorgärten,

die nichts versprechen wollen, an diesem Tag,

der über das Leben im Tod entscheidet,

egal ob er lacht oder weint in eigentlich grundlose Fragen.

 

 

 

 

 

 

Ich fange die Sonntagsstimmen über den Aquarien der Stadt.

Das Glockengeläut ist luftig so früh am Morgen,

das ruhebedürftige Gestühl vor den Cafés noch angebunden.

Die Kettenhunde der Einsamen.

Ihr heiseres Bellen quillt aus den leeren Mägen der Straßen.

Ich sauge den Mut aus dem Licht und folge den Glasbläsern des Glücks.

Zwischen den phantasierten Marktbuden bleibe ich unentdeckt.

Der spiegelblanke Platz erinnert an Paris am Morgen des 1. Juli 1977,

als ich mich vor dem Erwachsenwerden verbarg.

Nur Notre Dame schützte vor der Hitze.

Und wer schützt vor dem Alter in Bremen am 1. Juli 2018?    

 

 

 

 

 

 

Ars vivendi

 

Ich studiere zwischen den Vogelstimmen die Details meiner Zeit.

Blühende Linien im Schnee. Umgeben von Grabluft. Erdbeerfarben.

Die Freude ist von den Tauben geliehen für die Ewigkeit in den Momenten.

Das Warten meines Gottes bleibt weise. Er schenkt mir silbernes Vergessen

für die Grauzonen meiner Jahresringe.

Ich lege die Ringe auf die Waage über dem Meer,

in dem die Nächte Augen haben und vermeide

die schlaffe Schönheit des Überflüssigen.

Die Erde nickt und trägt.

 

 

 

 

 

Flamingos

 

Schnee fällt auf die eisigen Häute im Garten. Ich habe sie abgelegt

wie Mäntel an der Garderobe eines Theaters.

Ihre Kälte verliert sich in der Erde zwischen den dumpfen Schreien des Mondes.

Ich setze mich an ein kleines Feuer und streue Rosenblätter in blaue Flammen,

die darin zu weißen Schleiern werden.

Ich lege die weißen Schleier über meine kranken Gedanken.

Die Gedanken lernen zu schweigen, daraufhin.

Flamingos fliegen auf die leeren Plätze ihrer Rede …

 

Das Parfüm der Erde umgibt sie. Es riecht nach dem Schweiß des Kosmos.

Gott ist ohne Geruch. Dafür seine Geduld elastisch,

denn der Teufel ist nur ein Placebo. Ich balanciere über die Geduld Gottes

ohne die Flamingos zu stören, balanciere zum Schweigen Christi.

Maria hat es geboren in einer Stunde der Achtsamkeit.

 

Ich halte mich an die Flamingos, wenn ich sprechen möchte,

spreche mit ihnen über die Waghalsigkeit der Träume und die Farbe der Weisheit.

Die Weisheit ist blau, sagen sie, aber nur im Sonnenlicht. In der Nacht ist sie farblos.

Sie müssen es wissen. Sie fliegen in der Weisheit umher …

fliegen über den Knospen an den Abgründen der Seele.

 

 

 

 

Lesart

 

Gott malt sein Zeichen auf meine Steine.

Ich lege sie in mein Meer.

Dort reifen sie   

zurück bis in die jüngeren Tage.

In deren Schwärze Licht.

Ich lasse es in ihre Sekunden fließen

und berühre die Gewitter ihrer Wege -

Die Risse in meiner Zeit, die Lämmer stürmen.     

 

Aktuelles

Kriminalroman "Die Chiffren der Toten" im Verlag Edition Oberkassel als Ebook erschienen.

 

Lyrikband "Die Fragen der mutlosen Seidenspinner" bei Tredition erschienen als Hardcover, Paperback und Ebook  

 

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© Kerstin Fischer